Wurzeln

Die Mutter aller Dinge

Der Erfolg hat zwar viele Väter, es gibt aber nur eine Mutter aller Dinge. Sie ist riesig, obwohl sie nicht groß ist. Leicht wie Zuckerwatte umspielen die Löckchen ihr Gesicht. Sie sind feinsäuberlich gelegt. Ihr Haar ist weiß, so weiß wie die Perlenkette an ihrem Hals. Es war schon immer weiß, soweit ich mich erinnern kann. Sie neigt das Haupt und blinzelt durch die geschliffenen Brillengläser herüber. Ihre Augen funkeln grün – glasklar, wie ihr Verstand. Kein trüber Blick. Ein wissendes Lächeln umspielt die Lippen. Es breitet sich selten aus – wahrscheinlich würde beim Lachen der Raum bersten. Ich weiß es nicht. Sie seufzt über die Faltenwürfe, die nicht nur den Rock durchziehen. Die Kinder finden die feinen Linien schön, welche ihre Wangen überziehen. „Um die Augen fing es an,“ erinnert sie sich. Das liegt allerdings Jahrzehnte zurück. „Sieht weise aus“, sagt die Familie. „Sieht alt aus, weil ich alt bin!“ kontert sie. Dabei fühlt sie sich jung! „Im Alter von 94 Jahren fühle ich mich 45 Jahre jung. Da bin ich stehen geblieben, mein Körper nicht!“, lässt sie wissen. Sie berichtet von Reisen nach China, ohne dort gewesen zu sein. Sie malt Teestunden aus und beschreibt Überseekoffer mit Reiskörnern gefüllt. Chinesische Schriftzeichen wandern vorm geistigen Auge entlang.

Sie hält die Mitte sowie die Fäden in der Hand.

Es gab Freunde, viele Freunde, gute Freunde, die mit ihr in China waren – quicklebendig und munter. Gemeinsam wanderten sie durch die Nacht, suchten Sternschnuppen, die Milchstraße, umrundeten den Vollmond – dabei nie allein. Auch ich habe öfter nach dem großen und kleinen Wagen Ausschau gehalten – auch nie allein.

Sie redet von Familie, Krieg, Flucht und Französischkurs – sie kennt das Leben in Wohlstand, auf der Straße und in der Blockhütte. Ihre Kinder kennen es auch. „Kann mal jemand auf Reset drücken?“, dröhnt es an mir vorbei. Für sie kam der Neustart. Alles auf Anfang, sagt die Regie. Sie sieht die Chance, den Raum und die Zeit. Die Familie wächst um sie herum. Sie hält die Mitte sowie die Fäden in der Hand. Gestern wie heute – kein Unterschied. Ihr Herz schlägt und klopft den Takt – wie mein Herz es selbstverständlich auch tut. Ich meine, sonst könnte ich das hier ja gar nicht zu Papier bringen, in diesem Moment. Ihr Herz, nicht ihrs, sondern Ihr Herz schlägt auch – in diesem Moment. Sonst würden Sie das hier gar nicht lesen können. Also – hören Sie hin – in sich hinein. Dann hören Sie es schlagen und Sie kommen, je länger Sie lauschen und es schlagen hören, der Mutter aller Dinge Stück für Stück näher.