„Während andere noch Fliegen fangen, züchten wir King Kong“. Kai hasste diesen Satz, den seine Eltern immer dann fallen ließen, wenn sie sich Gäste einluden. Stumm beobachtete er, wie der Abend seinen Lauf nahm und sich alles zuspitzte. Es lief darauf hinaus, dass eben dieser Satz fiel. Und der stimmte ja auch. Seine Eltern waren trunken vor Stolz. Während andere noch Fliegen fingen, züchteten seine Eltern King Kong. Dass sie jedoch nie müde wurden, es den anderen, den Fliegenfängern, unter die Nase zu reiben, wurmte ihn mächtig. Sein Platz war nicht weit entfernt vom Tisch, aber eben nicht am Tisch – wie auch. Er hockte schließlich im Laufstall – wieder einmal. Sein Groll schwoll an, nicht nur weil er der große Kai war und sie ihn das Baby nannten. Der lebende Beweis für die Taten seiner Eltern war er. Soweit man sie überhaupt als Eltern bezeichnen konnte. Was hatten sie schon Großes vollbracht und getan, außer im Reagenzglas zu forschen und die Pipette kreisen zu lassen. Er rüttelte an seinen Gitterstäben, dass sich die Balken bogen und sich die gefräßigen, beschwipsten Gäste angstvoll an den Händen hielten. Seine Eltern lachten lauthals. „Meine Güte, es ist doch nur Kai – er tut keiner Fliege was zu Leide“. Von wegen – auch ein Gorilla, und sei er noch so groß, wird einmal flügge. Eines Abends, seine Eltern hatten sich wieder mal Gäste ins Haus geholt, zog er zwischen Vorspeise und Hauptgang die Gitterstäbe auseinander, als wären es Lakritzstangen – die ganz weiche Sorte. Er hämmerte sich in bester Gorilla­allüre auf die behaarte Brust, schnaubte durch die Nase, rollte mit den Augen, klaute sich eine Banane vom Büffet – dabei fing er noch eine Fliege mitten aus der Luft – dann machte er sich auf, hinaus in die Nacht. Natürlich nicht, ohne noch einige akrobatische Klimmzüge am Kronleuchter einzustreuen. Show muss sein, schließlich war er der Sohn seiner Eltern. Dann knackste es mächtig im Gebälk. Bevor sich die Zimmerdecke auf die gedeckte Tafel legte, war King Kong Kai mit einem Satz durchs Fenster ins Freie gehechtet. Hinter ihm ließ ein gewaltiger Rumms die Erde erbeben. Eine Staubwolke vernebelte den Vorgarten und überzog die feuchte Grasnarbe. Kai schlug sich in die Büsche, es war tiefe Nacht, und er ward nie wieder gesehen.