Alice Rawsthorn hat ihrem Buch und ihrem Vortrag auf der FORM/FUTURE in Berlin denselben Titel gegeben: „Design is an attitude.“ Das gefällt uns schon deshalb, weil darin nicht steht, was Designerinnen und Designer eigentlich gestalten sollen. Ein Plakat? Eine Marke? Eine Website? Ein Produkt? Eine Stadt? Alles möglich.
Interessanter ist die Haltung dahinter: genau hinschauen, Dinge infrage stellen, Zusammenhänge entdecken und ausprobieren, ob etwas auch ganz anders funktionieren könnte. Auf der FORM/FUTURE begegnete uns dieser Gedanke an ziemlich unterschiedlichen Stellen.
Claudia S. Friedrich sprach darüber, dass Design dort hingehört, wo Entscheidungen getroffen werden – und nicht erst dann ins Spiel kommen sollte, wenn alles Wesentliche bereits entschieden ist. Das klingt zunächst nach einem Thema für große Organisationen. Für uns steckt darin aber eine ziemlich einfache Erfahrung: Wenn Gestaltung nur noch die fertige Lösung hübsch machen soll, ist ein großer Teil ihrer Möglichkeiten bereits verschenkt. Uns interessiert deshalb meistens das, was davor passiert. Was soll eigentlich erreicht werden? Was ist an einem Unternehmen besonders? Was wissen die Menschen dort, das für sie längst selbstverständlich geworden ist? Und gibt es vielleicht eine ganz andere Möglichkeit, darüber nachzudenken? Die interessante Idee steht schließlich selten schon im Briefing.

Dann wurde der Maßstab plötzlich größer. Corinna Kühnapfel von der TU Berlin beschäftigt sich mit Neuroästhetik und Neurourbanistik und damit, wie Kunst, Architektur und urbane Räume auf Menschen wirken. Das fanden wir nicht nur wegen Claudias künstlerischer Arbeit interessant. Städte bestehen schließlich nicht nur aus Gebäuden, Straßen und Verkehrswegen. Wir erinnern uns an Plätze und Situationen, an Farben, Geräusche und Atmosphären. Manche Orte ziehen uns an, andere lassen uns erstaunlich kalt. Gestaltung verändert also nicht nur Dinge. Sie verändert, wie wir sie erleben.
Das ist ein Gedanke, der uns auch deshalb beschäftigt, weil wir uns gerne Städte anschauen. Was macht einen Ort lebendig? Warum funktioniert ein öffentlicher Raum und ein anderer nicht? Was passiert, wenn Architektur, Kultur, Handel, Verkehr und Menschen aufeinandertreffen? Vielleicht ist eine Stadt überhaupt eines der interessantesten Designprojekte, die man sich vorstellen kann. Nur gestaltet sie eben niemand allein.
Zum Abschluss erzählte Anaïs Guillemane Mootoosamy von der Gestaltung der Olympischen und Paralympischen Spiele Paris 2024. Spätestens dort kamen viele Gedanken des Tages zusammen: Marke, Stadt, Kultur und Menschen. Eine Marke dieser Größenordnung existiert schließlich nicht nur in einem Logo oder einer Kampagne. Sie taucht im Stadtraum auf, auf Gebäuden und Schildern, in Veranstaltungen und Kleidung und in Millionen Bildern, die Menschen davon machen und weitergeben. Sie wird erlebt. Und irgendwann gehört sie nicht mehr allein den Menschen, die sie gestaltet haben.


Vielleicht ist genau das der Grund, warum uns Rawsthorns „Design is an attitude“ so gut gefällt. Design muss nicht an einer bestimmten Stelle anfangen und an einer anderen aufhören. Es kann sich mit einem Unternehmen beschäftigen oder mit einem Plakat, mit einem digitalen Produkt, einer Ausstellung oder einer ganzen Stadt. Und manchmal besteht die interessanteste Arbeit gerade darin, Dinge miteinander zu verbinden, die zunächst gar nicht zusammengehören. Unternehmen und Kultur. Kunst und Stadtentwicklung. Technologie und Gestaltung. Menschen und Marken.
Wir sind jedenfalls mit ziemlich vielen neuen Gedanken aus Berlin zurückgekommen. Und mit einer Erinnerung daran, warum wir diesen Beruf mögen: Entscheidend ist vielleicht weniger, was man gestaltet. Sondern wie man darauf schaut.